Eine Ode an die Freude am Glas.

Vor über 200 Jahren wurde die Glashütte Hergiswil gegründet. Nachdem sein Vater die Glasi 1975 vor dem sicheren Untergang gerettet hatte, führte sie Robert Niederer in zweiter Generation zum heutigen Erfolg. Die Glasi Hergiswil, Erlebnisstätte am Vierwaldstättersee, ist weit mehr als eine Glashütte. Sie ist ein Ort der Begegnung mit dem einzigartigen Werkstoff Glas und seinen Machern.

Text Michel Küng Fotos Fabian Biasio

Die neuzeitlichen Anfänge

Es war die industrielle Revolution, die der alten Glashütte – wie vielen anderen – fast das Genick brach. Rechtzeitige Investitionen in Automatisierung und neue Öfen wurden verschlafen. Und es war Roberto Niederer, der 1975 zusammen mit seiner Belegschaft und der Gemeinde Hergiswil die alte Glashütte übernahm und den Umschwung schaffte. Damals glaubte niemand an einen Erfolg. Die Glashütte war unrentabel und schlecht positioniert. Roberto Niederer, dessen Kreationen seit 1956 in der Glashütte produziert wurden, glaubte jedoch an seinen Traum. Er begann fast bei null und setzte voll auf Handwerk. Die Glasbläser fanden zurück zu ihrem ursprünglichen Handwerk und erschufen Glaserzeugnisse von Hand und Mund in hoher Qualität. Der Grundstein für den Erfolg war gelegt.

Von der Glashütte zur Erlebnisstätte Glasi

1988 übernahm Robert Niederer die Leitung der Glashütte Hergiswil von seinem Vater. «Ich war 34 Jahre alt, hatte langes Haar (lacht) und eine Menge Ideen», erinnert er sich. Als gelernter Kaufmann und Apparateglasbläser brachte er viel Erfahrung im Glasgeschäft mit. «Mir schwebte eine Öffnung fürs Publikum vor», erzählt er. Eine erste Ausstellung über seinen Vater, realisiert von seinem Bekannten Otto Jolias Steiner, brachte den durchschlagenden Erfolg. «Die Besucher liefen zum Teil mit Tränen in den Augen aus der Ausstellung und anschliessend mit Taschen voller Glas aus dem Laden.» Die Erlebnisstätte Glasi Hergiswil war geboren. Sie zählt um die 100'000 Besucher jährlich.

Es folgte das Glasi-Museum, ein multimediales Spektakel, ein Glaslabyrinth und der Glasipark mit einer sieben Meter hohen Murmelbahn und der Drachendame Leandra. Ein breites Gastronomieangebot sorgt für die Verpflegung. So kann man gut einen ganzen Tag in der Glasi verbringen.

Glas entsteht im Ofen

Es ist heiss, rund um den Ofen, dem Herzstück der Glasi. In seinem Innern liegen 18 Tonnen geschmolzenes Glas. Es wird bei 1'500 Grad aus Quarzsand, Kalk, Soda und etwa 15 weiteren Zutaten hergestellt. Etwa drei Tage dauert Biasioes, um es herzustellen. Drei bis vier Tonnen davon werden täglich verarbeitet. Dazu verfügt der Ofen über sechs Entnahmestellen, bei welchen die Glasbläser das Glas bei etwa 1'200 Grad entnehmen und bearbeiten. Das Glas ist übrigens umweltfreundlich, enthält also weder Blei noch andere giftige Stoffe.

Der Ofen läuft rund um die Uhr und wird ständig überwacht. Während Corona wurde das Herzstück der Glasi erneuert. «Der Ofen ist durch speziell gegossene, etwa 40 Zentimeter dicke Steine isoliert. Diese schmelzen mit dem Glas mit und werden dadurch immer dünner», erklärt Robert Niederer. Sieben bis acht Jahre wird der Ofen seinen Dienst verrichten, dann muss er wieder ersetzt werden, das bedeutet jeweils eine Investition von drei Millionen Franken.

Designklassiker und neue Kreationen

«Wir produzieren Glaswaren von hoher Qualität in traditioneller Art von Hand und mundgeblasen. Spannend ist, dass die orangenhautähnliche Oberfläche vieler Produkte von alleine entsteht, wenn das heisse Glas bearbeitet wird. Das haben wir nicht erfunden», klärt Chef Niederer auf. Die Designs der hergestellten Gläser sind aber echte «Niederer». Es werden noch immer einige Produkte von Roberto Niederer hergestellt. Vieles ist neu, entwickelt von einem kleinen Design-Team. «Wir sind besonders stolz darauf, immer wieder neue Produkte mit neuen Technologien herstellen zu können. Aber immer von Hand und Mund. Und immer von A bis Z selber produziert», so Robert Niederer. Kommende Weihnachten wird ein neues Windlicht einen Sternenteppich auf den Tisch zaubern. Nicht verpassen!

Architektur – ein neues Standbein

Mit dem Bau des Glasturms am See, setzte sich die Glasi nicht nur ein Denkmal zum 200-Jahr- Jubiläum. «Wir wollten zeigen, dass wir mehr als Butterschäleli und Kerzenständer produzieren können», lacht Robert Niederer.

Stabsübergabe an die dritte Generation

«Ich bin der Senior hier», sagt Robert Niederer. «Wir arbeiten bereits an der Übergabe an meinen Sohn Leandro Roberto.» Dieser studierte Marketing und leitet seit vier Jahren den Verkauf. Die zwei Läden vor Ort – ein grosser mit dem gesamten Sortiment und ein kleinerer, ein «Outlet» - sind neben dem Online-Geschäft die wichtigsten Absatzkanäle. Der Webshop sei während dem Corona-Lockdown gelaufen wie an Weihnachten. «Die Leute wollten sich selber etwas Schönes schenken», vermutet Leandro Niederer. Seinen Newsletter verschickt er an über 60'000 Abonnenten, das ist beachtlich. Wiederverkäufer hingegen verlieren an Bedeutung. Von über 800 sind nur 150 bis 200 übriggeblieben. Und – für den Autor erstaunlich – es wird praktisch nichts exportiert. Aus der Schweiz für die Schweiz.

Was ist für Sie das Wichtigste im Büro?

«Die Freude, jeden Tag hier zu sein. Mein Vater sagte schon: Mach nichts nur für Geld. Viel wichtiger ist die Freude an dem, was du tust». Ich spüre sie, diese Freude.

Glasi Hergiswil

Multimediales Museum «Vom Feuer geformt»

Glasbläsern bei der Arbeit zuschauen

Glaslabyrinth

Verschiedene weitere Ausstellungen für Gross und Klein

Grosser Laden und Outlet

Glasipark mit Murmelbahn und Drachendame Leandra

Grosses Gastronomie-Angebot

Alle Infos unter www.glasi.ch

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