Wo Somazzi draufsteht, ist Somazzi drin.
Seit 160 Jahren geschäften die Somazzis an der Via Nassa 36 in Lugano. Roy Somazzi führt heute das Uhrmacher-Unternehmen in der fünften Generation. Sein Sohn Fabio wird die sechste sein. Mit dem Patron spricht viva über das Tessin, die Leidenschaft für Präzision und Uhren, die bis zu 2,5 Millionen Franken kosten.
Text und Fotos Isabella Awad
Eine Patek Philippe Referenz 5970 P 001 schmückt diskret das Handgelenk von Roy Somazzi. Zum 50. Geburtstag habe er sich diese Uhr geschenkt – auch deshalb sei sie seine liebste. Zwischen 20’000 und 2,5 Millionen Franken kosten die edlen Zeitmesser des Genfer Unternehmens – wenn sie denn auf dem Markt überhaupt erhältlich sind.
Sechs Generationen
1860 kaufte Stefano Somazzi das Geschäft der Witwe seines damaligen Lehrmeisters Signor Greco ab. Sechs Generationen ist das her. Und seitdem gehört das Geschäft der Familie Somazzi. Roy Somazzi ist seit 2017 zu hundert Prozent Eigentümer und führt die Orologeria zusammen mit seinem Sohn Fabio, ebenfalls gelernter Uhrmacher, und zwei Mitarbeitenden im Backoffice und im Verkauf.
Von der Pike auf
«Meine Ausbildung habe ich bei einem Uhrmacher absolviert, der vom Wecker bis zur Pendule alles verkaufte und reparierte», sagt Roy Somazzi. Als junger Spund arbeitete er eineinhalb Jahre in Patek Philippes «Werkstatt». «Manchmal zeichnete, probierte, schliff, justierte und polierte ich ein Stück Stahl während vier bis fünf Tagen zu dem perfekten Teilchen. Später erledigte er bei Omega die «schwierigen» Reparaturen. «So habe ich unglaublich viel gelernt – jede Uhr, die man repariert und von innen sieht, ist eine wertvolle Erfahrung», sagt der Uhrmacher.
Auf den Hundertstel-Millimeter
Eine Uhr besteht aus 50 bis 1366 Teilchen, mit der Grandmaster Chime als komplizierteste je gebaute Patek-Philippe-Armbanduhr. Sie wurde 2014 zum 175-jährigen Jubiläum der Manufaktur lanciert. Bei einer Revision oder Reinigung wird alles auseinandergenommen und jedes einzelne Teil von Schmutz oder Rost gereinigt und neu poliert. Für das Uhrwerk kommen bis zu sieben verschiedene Öle zur Anwendung. Anschliessend wird jedes Teilchen kontrolliert, unter anderem, ob die Masse stimmen, und zum Schluss wird alles wieder sorgfältig zusammengesetzt.

«Bei der Pendulerie geht es um Zehntel-Millimeter, bei einer Handgelenkuhr um Hundertstel-Millimeter», weiss Roy Somazzi und erklärt stolz: «Wir sind das einzige Uhrenatelier im Tessin, das Ersatzteile erhält und Uhren von Omega reparieren darf.» Roy Somazzi ist spezialisiert auf alte Uhren.Wer sehr alte Uhren reparieren will, muss selbst Teile herstellen können, weil oft die Ersatzteile fehlen. Mich fasziniert, wie die Uhrmacher vor 250 Jahren gearbeitet haben. Ohne Strom, aber mit unglaublicher Präzision», sagt Roy Somazzi. Es sei ihm ein Anliegen, diese Präziosen zu erhalten und wieder zum Laufen zu bringen.



Edles Sortiment
Im Geschäft in Lugano konzentrieren sich die Somazzis auf ein paar ausgewählte Marken, darunter Patek Philippe, Omega und JaegerLeCoultre. Früher verkauften sie auch andere Marken und in den 80er-Jahren die kultige Swatch. «Ich war von Anfang an dagegen, obwohl sie sich wie ‹warme Weggli› verkauften. Es passte nicht zu uns», sagt Roy Somazzi, fügte sich aber damals der Entscheidung seines Vaters. Als die Swatch Boutique in Lugano eröffnete und die Uhren in jedem Warenhaus erhältlich waren, stieg er aus. Heute entscheidet er selber und bevorzugt die Strategie «klein, aber fein».
Kunden aus Asien
Kunden, die ins schmale, edle Geschäft eintreten, kommen aus dem In- und 70% aus dem Ausland. Während dem zehnwöchigen Corona-Lockdown ist ihm das Asien-Geschäft weggebrochen – chinesische Kunden machen rund 40% seines Geschäfts aus. «In China kostet eine Schweizer Uhr rund 30% mehr und ‹eine Schweizer Uhr muss man in der Schweiz kaufen», zitiert er einen chinesischen Kunden. Aber auch betuchte Norditaliener kaufen bei Somazzi. Und es gibt immer wieder Kunden, die eine Rarität suchen: «Gerade heute habe ich einen Anruf von einem Kunden erhalten, der eine Patek Philippe kaufen möchte, die nur in kleiner Stückzahl produziert wurde. Mal schauen, was ich machen kann», sagt er verschmitzt. Sonderwünsche sind Somazzis täglich Brot. Uhren, die er momentan nicht an Lager hat, bestellt er, und wenn ein Reisender nur an einem Tag in Lugano weilt, macht es beispielsweise Omega möglich, dass die Bestellung noch am selben Tag in der Via Nassa 36 ankommt.
160 Jahre Erfahrung
Somazzi findet man auf Instagram und auf Facebook – viele Kunden lernten sie über diese Plattformen kennen, sagt der Chef. Viele kämen auch auf Empfehlung, denn 160 Jahre Erfahrung sprechen sich herum. «Wir haben viel technisches Wissen und können individuell auf unsere Klientel eingehen. Ich erfrage, was sich die Kundin oder der Kunde wünscht, und erzähle ihr oder ihm dann die Geschichte der Uhr: woher sie kommt, was sie kann, wie sie gebaut ist. Das ist viel mehr, als zu sagen «die Uhr steht Ihnen gut». Das ist einfach Somazzi! Heute braucht niemand mehr eine Uhr, um die Zeit abzulesen. Eine Uhr ist ein Schmuckstück, etwas sehr Persönliches.
Helvetia an der Seite
Somazzi sei eines der bestgeschützten Geschäfte, sagt der Besitzer nicht ohne Stolz – Details bleiben geheim. Sorgen mache er sich keine. Zudem patrouillierten in der Via Nassa viele Polizisten in Zivil. «Mit Helvetia bin ich sehr zufrieden – das ist ein unkomplizierter Partner», das hört man gern aus dem Munde des Chefs. 1960 sei der Laden seines Grossvaters von ein paar raffinierten Dieben ausgeräumt worden. Das wäre heute kaum mehr möglich.
Von Roy zu Fabio
«Seit 10 Jahren trete ich etwas kürzer», sagt Roy Somazzi. Damals hätte er seine erste Brille benötigt. «Ich bin glücklich darüber, dass mein Sohn Fabio meine Passion teilt – das ist nicht selbstverständlich! Mein Vater hat bis zu seinem 81. Lebensjahr gearbeitet. Solange mache ich das nicht», lacht er. In den nächsten acht bis zehn Jahren werde Fabio das Geschäft übernehmen. «Dann kommt die Genussphase ...» Was er noch so vorhabe in dieser Zeit? Gerne würde er Aussenminister Ignazio Cassis im Laden empfangen und ihm eine Schweizer Uhr verkaufen. An einem Anlass kürzlich habe er ihn getroffen und gesehen, dass dieser leider eine Apple Watch trägt ...

Geschenke rund um die Welt
Japan
Süssigkeiten oder kleine Figuren kommen bei den Japanerinnen und Japanern gut an. Um einen Gesichtsverlust zu vermeiden, wird das Geschenk nie in Anwesenheit des Schenkenden geöffnet. Das Geschenk mit beiden Händen zu überreichen bzw. anzunehmen, zeugt von Wertschätzung. Die Zahl Vier gilt in Japan als Unglückszahl, da sie wie das japanische Wort für Tod klingt. Weshalb man zum Beispiel nie vier Blumen schenkt.