Vorsorge: ein ausge­klügeltes System unter Druck.

Neue Lebensmodelle und veränderte Kundenansprüche erfordern flexiblere Ansätze in der Vorsorge. Reto Keller, Leiter Private Vorsorge und Donald Desax, Leiter Berufliche Vorsorge bei Helvetia über Teamwork, Individualisierung und gesetzliche Hürden im Vorsorgegeschäft.

Text Nina Eiber Fotos Daniel Bossart

Reto Keller, was gehört eigentlich alles zu einer Vorsorge?

Reto Keller (RK): Ganz allgemein bezieht sich Vorsorge auf alles, was eine finanzielle, gesundheitliche oder berufliche Sorge vorbeugt. Finanziell vorsorgen kann man mit unterschiedlichsten Mitteln wie Aktien, Obligationen, Wertschriften, Lebensversicherungen, Fonds, Hauseigentum oder Gold – früher zählte man sogar Briefmarken dazu. Helvetia bietet neben Sparversicherungen auch finanzielle Risikoprodukte an. Diese kommen bei Themen wie Todesfall, Langlebigkeit, Arbeitsplatzverlust u.a. zum Tragen. Momentan sind gemischte Versicherungen sehr gefragt. Diese kombinieren das Sparen und die Risikoabdeckung.

Welche Rolle spielt hier die Berufliche Vorsorge?

Donald Desax (DD): Die Berufliche Vorsorge (BV) ist eine Art kollektives Sorglospaket, welches dem Versicherten und seinen Angehörigen bei Pensionierung, im Todesfall und bei Invalidität finanzielle Absicherung bietet. Sie ermöglicht es, zusammen mit der AHV und IV, die gewohnte Lebenshaltung in angemessener Weise fortzusetzen. Allgemein geht man davon aus, dass dieses Ziel mit einem Renteneinkommen von rund 60 Prozent des letzten Brutto-Lohnes erreichbar ist. Der Arbeitgeber finanziert die Prämien mindestens zur Hälfte.

Was bedeutet Lebensqualität für Sie?
Donald Desax
«In erster Linie Gesundheit. Nicht nur körperlich fit sein, sondern auch geistig rege bleiben. Jeden Tag Freude haben und herzhaft lachen können.»

Wie zeigt sich diese Lebensqualität konkret?

DD: Die Altersarmut ist heute dank dem 3-Säulen-Konzept grösstenteils verschwunden. Unseren Senioren geht es zum Glück wirklich sehr gut – vor allem im Vergleich zu Rentnern im Ausland. Ausserhalb der Schweiz existiert zum Teil nur die staatliche Vorsorge, und diese reicht angesichts der demografischen Veränderungen oft nicht aus.

Dennoch spricht man auch in der Schweiz von einer Systemkrise. Woran fehlt es in unserem System?

DD: Die AHV und BV werden vor allem durch drei Faktoren unter Druck gesetzt: Erstens werden wir immer älter, zweitens gehen bis 2029 alle sogenannten «Babyboomer» in Rente und drittens fällt der dritte Beitragszahler – die Anlagerendite – wegen der historisch einmalig tiefen bzw. negativen Zinsen aus.

Wie sollen die Schweizer Versicherten damit umgehen?

DD: Entweder wir arbeiten deutlich länger, wir zahlen mehr Beiträge oder wir kürzen die Leistungen. Obwohl das Problem bekannt und unbestritten ist, fehlt leider der politische Wille, um griffige Reformen rasch und konsequent umzusetzen. Den Versicherten kann ich deshalb nur raten, sich in der 3. Säule zusätzlich abzusichern.

Donald Desax

Donald Desax verbrachte seine Kindheit in Biel und Denver (USA), wohnte in Bern und heute im Fricktal. Er ist Leiter Berufliche Vorsorge Schweiz und Mitglied der Konzernleitung von Helvetia.


Geburtsjahr: 1959

Geburtsort: Biel (BE)

Gelebt in: Biel, Denver (USA), Bern, Fricktal

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Donald Desax zur 2. Säule:

An wen richtet sich das Vorsorge-Angebot von Helvetia?

RK: Hauptsächlich an Sparer, Pensionsplaner und Pensionierte. Auch junge Familien, die ein Haus bauen, Kinder kriegen und sich gegenseitig bei Todesfall und Erwerbsunfähigkeit absichern wollen profitieren von unserem Angebot. Eine weitere Zielgruppe bilden die sogenannten «Starters». Das sind junge Leute zwischen 18 und 35 Jahren, die sozusagen «ins Leben starten».

DD: In der Beruflichen Vorsorge versichern wir hauptsächlich KMU. Für diese ist die Berufliche Vorsorge ein Kernbestandteil ihrer Personal-Strategie. Zu unseren Kunden zählen kleine gewerbliche Betriebe wie auch grosse weltweit bekannte Unternehmen mit Sitz in der Schweiz. Wir beobachten zunehmend, dass sich Arbeitnehmende mit Vorsorgefragen direkt an uns statt an ihre Arbeitgeber wenden. Historisch haben wir die Zielgruppe der Destinäre – Mitarbeitende der versicherten Unternehmen – zu wenig beachtet. Heute sehen wir sie als Chance fürs Cross-Selling ins Einzelleben.

Nicht nur die Zielgruppen, sondern auch Lebensmodelle verändern sich. Wie gehen Sie damit um?

DD: Gute Frage. Das ist tatsächlich eine Herausforderung für das bestehende System. Die Berufliche Vorsorge ist nach wie vor für Lebensmodelle aus dem letzten Jahrhundert konzipiert. Die heutige Realität zeigt jedoch eine Zunahme an Patchworkfamilien, unterbrochenen Erwerbskarrieren und langen Auslandaufenthalten. Das Leben ist viel vielfältiger und bunter geworden. Leider gibt uns das jetzige Gesetz wenig Möglichkeiten, diesen individuellen oder veränderten Bedürfnissen gerecht zu werden.

RK: In der Privaten Vorsorge haben wir eine ähnliche Situation. Die Vorsorge für Familien, die dem klassischen Modell entsprechen, ist gesetzlich gut geregelt. Für Patchworkfamilien oder Lebenspartner im Konkubinat gibt es aber keine Standardlösungen. Angesichts der Komplexität ist eine persönliche Beratung durch einen Vorsorgeplaner nicht nur ratsam, sondern absolut notwendig. Die Frage, ob Frauen vorsorgen müssen, taucht noch heute auf. Meine Antwort ist ganz klar ja – egal ob erwerbstätig oder nicht! Auch hier hängt die genaue Form der Vorsorge von Details wie Arbeitspensum, Anzahl gemeinsamer Kinder und Zivilstand ab. Bis heute sind in unserem Portefeuille leider immer noch viel mehr Männer als Frauen vertreten. Das Bewusstsein rund um die Vorsorge von Frauen muss dringend zunehmen.

Was bedeutet Lebensqualität für Sie?
Reto Keller
«Ganz klar: geniessen – meine Familie, beim Reisen, beim Golf oder auf dem Tennisplatz. Auch gutes Essen und sich freuen können gehören dazu.»

Welche Trends und Veränderungen werden die Zukunft der Vorsorge prägen?

RK: Wie in den vorher erwähnten Fällen stellen wir allgemein einen erhöhten Bedarf an spezialisierter Beratung fest. Dank der Digitalisierung ist der Kunde generell viel besser informiert als früher. Er wünscht sich vom Versicherer nicht mehr eine Beratung von A bis Z, sondern eine Beratung zu einzelnen Spezialthemen. Die Ansprüche an das Wissen unserer Berater steigen. Weiter wird der Ruf nach Transparenz und Kundenschutz immer lauter. Kürzlich haben wir in der Lebensversicherung ein fondsgebundenes Produkt auf den Markt gebracht, worin wir transparent die Fondskosten und die Versicherungskosten ausweisen – als Antwort auf das veränderte Kundenverhalten.

DD: Wir werden uns mit der digitalen Transformation umfassend auseinandersetzen müssen. Vorsorgeverträge werden zwar auch in zehn Jahren kaum per Tablet und Handy abgeschlossen werden. Dafür ist die Materie viel zu komplex und es braucht einen kompetenten Berater. Bei Transaktionen, Befragungen und Mutationen jedoch werden digitale Tools die Kunden- Convenience massiv erhöhen. Ich gehe davon aus, dass Technologieanbieter versuchen werden, mit Data & Analytics Tools Teile der Vorsorge-Wertschöpfungskette zu besetzen. Wir als Vorsorgeprofis sollten auch bei diesem Innovationsprozess im Driver-Seat sitzen!

Was sagen Sie den jungen Generationen, für die das Thema Vorsorge abstrakt oder sogar negativ behaftet ist?

RK: Studien bestätigen, dass sich junge Menschen wenig um Vorsorge und Versicherung kümmern. Generell empfehle ich den Jungen, mindestens CHF 100 bis 200 im Monat anzusparen. Am besten in Form einer Lebensversicherung. Das habe ich auch meinen eigenen Kindern gesagt.

DD: Das 3-Säulen-Konzept ist gegenwärtig in der Krise, aber mittelfristig werden sich die Zinsen wieder erholen. Irgendwann werden wir die nötigen Reformen umgesetzt haben. Ein «No-Future-Denken» ist für junge Menschen sicher keine gute Basis. Ihnen rate ich deshalb, sich frühzeitig mit den Möglichkeiten der 3. Säule auseinanderzusetzen.

Die Vorsorge ist dazu da, um die Lebensqualität zu sichern. Was gehört denn für Sie persönlich zur Lebensqualität?

DD: Lebensqualität bedeutet für mich in erster Linie Gesundheit. Nicht nur körperlich fit sein, sondern auch geistig rege bleiben. Jeden Tag Freude haben und herzhaft lachen können, das ist mir sehr wichtig.

RK: Ganz klar: geniessen – beim Reisen, beim Golf oder auf dem Tennisplatz. Auch gutes Essen und sich freuen können, gehören dazu.

Reto Keller

Reto Keller wuchs im Tessin auf. Er arbeitet am Hauptsitz in Basel und hat sein Domizil in Ecublens in der Waadt. Er ist Konzernleitungsmitglied und leitet den Marktbereich Private Vorsorge Schweiz.


Geburtsjahr: 1963

Geburtsort: Muralto (TI)

Gelebt in: Tessin, Zürich, Ecublens (VD)

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Berufliche Vorsorge
Was Arbeitnehmende und Arbeitgeber wissen sollten.

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