Die Freiheit, am Morgen auszu­schlafen.

Text Nadja Häberli
Fotos Michael Sieber

Als Kind wollte Carla Del Ponte Formel-1-Fahrerin werden. Anstatt auf dem Hockenheimring Rennen zu fahren, kämpfte sie jahrelang für die Gerechtigkeit der Kriegsopfer des ehemaligen Jugoslawien, von Ruanda und Syrien. Wie sie Shopping unter Polizeischutz erlebte, wie sie die «neue» Welt entdeckte und warum sie optimistisch durchs Leben geht, erzählt sie im Gespräch mit viva.

«Achtung vor dem Leben
lernt man in der Schule.»

Wir treffen Carla Del Ponte an einem heissen Sommertag im Golfclub in Ascona. Heute ist es ihr zu warm zum Golfen. Aber sie hat ein klares Ziel: Bis Ende Saison will sie ihr Handicap von 21 auf unter 20 verbessern. Dies sieht sie als Arbeit und verzichtet dafür auch auf Ferien. Carla Del Ponte geniesst ihr neues Leben: golfen, Bridge spielen oder Enkelkinder hüten.

Mit Polizeieskorte auf Shoppingtour

25 Jahre oder ein Vierteljahrhundert lebte Carla Del Ponte unter Personenschutz – und konnte nichts alleine machen: 25 Jahre kein Kino, 25 Jahre kein Konzert, 25 Jahre kein Restaurantbesuch ohne Begleitung der Polizei. Glücklicherweise hatte sie während dieser Zeit sehr viel zu tun und konnte die Situation so erdulden. Das einzige Problem: Persönliches einzukaufen wie Schuhe oder Kleider – auch da war immer die örtliche Polizei dabei. So auch beim Kauf von Unterwäsche in New York. Zwar bat Carla Del Ponte die FBI-Beamten, draussen auf sie zu warten, doch die Beamten kamen trotzdem mit. Ein anderes Beispiel: Bei einer sonntäglichen Radtour durch Den Haag fuhren zwei holländische Polizisten mit – und verursachten gar einen Unfall, weil Carla Del Ponte abbog und der eine Polizist geradeaus fuhr. Zum Glück verletzten sie sich nur leicht.


Nach ihrem Engagement als Chefanklägerin in Den Haag brauchte sie den Personenschutz nicht mehr. Eine neue Welt eröffnete sich Carla Del Ponte: Beispielsweise ging sie tanken und wartete – wie früher – beim Auto, bis der Tankwart kam. Es kam aber keiner. Nebenan sah sie, dass ein Fahrer sein Auto selber betankte und fragte ihn, ob da niemand käme? Nein, das müsse sie selber machen, antwortete er und sah Carla Del Ponte dabei an, als ob sie vom Mond käme – oder eben aus einem anderen Vierteljahrhundert.

Vom Maggiatal in den Hockenheimring

Als Kind faszinierte Carla Del Ponte die Formel 1. Bereits mit 14 Jahren brauste sie mit dem MG Sport ihrer Mutter durchs Maggiatal. Später konnte sie den Porsche ihres Bruders benutzen, der beruflich in Kalifornien war. Um an Porscherennen teilnehmen zu können, erwarb sie sich mit 27 Jahren in Hockenheim das entsprechende Brevet «zum richtig schnell Fahren», wie sie lachend erzählt. Danach nahm sie ein- bis zweimal pro Jahr an solchen Rennen teil. Da sie auch privat gern etwas schneller unterwegs war, installierte Carla Del Ponte einen Radarmelder im Auto. Als sie Staatsanwältin wurde, fuhr sie selbstverständlich langsamer und verkaufte den Rennwagen später.

Im Kleinen Grosses bewirken

Obwohl Carla Del Ponte seit 2017 pensioniert ist, beobachtet sie die Krisenherde der Welt weiterhin sehr genau. Um nach wie vor etwas zur Linderung des Elends beitragen zu können, unterstützt sie eine NGO in Beirut, die syrischen Familien hilft, über die Grenze ins Bekaa-Tal zu fliehen. Das erste Mal, als Carla Del Ponte dort war, schneite es. Die Kinder hatten nichts Warmes anzuziehen. Im Lager gab es zwar eine Lehrerin, aber dieser fehlten Bücher und ein Ort, um die Kinder zu unterrichten. Mit Kollegen von der UNHCHR-Kommission für Syrien brachte Carla Del Ponte USD 1000 zusammen. Die NGO konnte damit eine Schule, besser gesagt ein Zelt, aufstellen und die Kinder unterrichten. Nach ein paar Monaten kam Carla Del Ponte zurück ins Lager und besuchte die neue Schule. Als die Lehrerin fragte, wie die Hauptstadt der Schweiz heisse, riefen die Kinder im Chor: Bern. Solche Erlebnisse berühren und bestätigen Carla Del Ponte in ihrem Tun. In dieses Projekt will sie auch das Preisgeld des Erich Walser Generationenpreises investieren, der ihr im August 2019 vom World Demographic & Ageing Forum (WDA Forum) verliehen wurde.

Carla Del Ponte ist pensionierte Juristin und Diplomatin. Sie war von 1994 bis 1998 Bundesanwältin der Schweizerischen Eidgenossenschaft und von 1999 bis 2007 Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien sowie für den Völkermord in Ruanda. Von 2008 bis 2011 vertrat Carla Del Ponte die Schweiz als Botschafterin in Argentinien. Von 2011 bis 2017 war sie Mitglied einer UNHCHR-Kommission (IICISyria), die Menschenrechtsverletzungen in Syrien im dortigen Bürgerkrieg untersucht.


Geburtsjahr: 1947

Geburtsort: Bignasco

Gelebt in: Bern, Genf, Lugano, Den Haag, Grossbritannien, Argentinien

Mit gutem Beispiel voran

Als Chefanklägerin und vor allem auch später als Mitglied in der UNHCHR-Kommission für Syrien hätte Carla Del Ponte gerne noch mehr erreicht. Sie ist trotzdem überzeugt, dass ihre und die Arbeit ihrer Kollegen nicht umsonst war. Aber es brauche noch mehr – mehr Menschlichkeit und weniger Politik und Populismus. Dies fange an bei den täglichen Nachrichten aus Kriegsgebieten, die uns über unzählige Kanäle erreichten und uns gar nicht mehr berührten. Oder bei unseren Kindern, die einfach glauben, was ihnen erzählt wird. Die Schule, die Eltern und die Gesellschaft müssen ihnen die Werte für ein friedliches Miteinander vermitteln und diese vorleben, davon ist Carla Del Ponte überzeugt. Und es brauche jeden einzelnen von uns, damit wir die Volksvertreter wählen, die sich für diese Werte einsetzen – und nicht egoistisch zu ihren Gunsten agieren.

Die aktuelle Rechtstendenz vieler Regierungen beobachtet Carla Del Ponte mit Besorgnis. Aber sie bleibt trotzdem optimistisch: Irgendwann werde sich das Blatt wenden – für mehr Gerechtigkeit und mehr Lebensqualität. In Freiheit zu leben, Minimalrechte zu haben, arbeiten zu können... – oder ganz einfach: mit Freude leben zu können. Neben golfen, Bridge spielen und Enkelkinder hüten bedeutet diese Lebensfreude für Carla Del Ponte ganz persönlich auch, am Morgen ohne Wecker aufzuwachen.

Carla Del Ponte im Gespräch

Interview bei «Sternstunde Philosophie» von SRF

Erich Walser Generationenpreis

Mit dem Erich Walser Generationenpreis werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich vorbildhaft für das Verständnis zwischen den Generationen einsetzen. 2019 heisst die Preisträgerin Carla Del Ponte. Verliehen wird der Erich Walser Generationenpreis vom World Demographic & Ageing Forum (WDA Forum) gemeinsam mit der Helvetia Gruppe und Prof. Dr. Günter Müller-Stewens von der Universität St. Gallen.

Was bedeutet Lebensqualität für Sie?
«In Freiheit zu leben, Minimalrechte zu haben, arbeiten zu können ... – oder ganz einfach: mit Freude leben zu können.»

viva. leben.