Leiden­schaft statt
Lange­weile.

Text Esin Ezer
Fotos zVg.

Wie ist es, zwei völlig unterschiedliche Leidenschaften zu haben, und sich für eine zu entscheiden? Das weiss Patrick Wendling, Webanalyst bei Helvetia Deutschland. Er erzählt uns, über welche Wege er auf der Suche nach einem Leben ausserhalb der Komfortzone von der Kunst zur Datenanalyse kam.

Die Ferne hat mich schon immer interessiert. Während meines Studiums der Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie in Berlin absolvierte ich ein Austauschjahr in Paris. Anschliessend ging es zurück nach Deutschland, aber die Lust, ausserhalb meiner Komfortzone zu leben, stieg immer weiter. Meine Frau und ich entschieden uns, für eine unbestimmte Zeit auszuwandern. Verschiedene Destinationen standen auf unserer Liste. London überzeugte uns letztlich mit seiner lebendigen und multikulturellen Art. Wir wollten Abwechslung, etwas Neues und mehr Bewegung in unserem Leben.

London – Knotenpunkt mit Schattenseiten

Wir verbrachten ein paar bewegte Jahre in einem der Knotenpunkte der Welt. Die Trends kamen schneller an als die Post, Menschen aus verschiedensten Kulturen prägten den Alltag und an jeder Ecke war ein Pub oder ein feines Restaurant zu finden. Doch wie jede andere Stadt hatte auch London seine Schattenseiten. In einer Galerie oder in einem Museum als Kunsthistoriker Fuss zu fassen, schien unmöglich zu sein. Ein anderer Plan musste her.


Ich stieg in einem Callcenter als Kundenberater ein. Mein Vorwissen und mein Interesse an Digitalem brachten mich schliesslich zu einer Analystenstelle. Mit einem Fuss bereits in der Tür entschied ich mich, die Kunst beruflich beiseite zu legen und eine Karriere als Webanalyst im Marketing anzugehen.


Schnell wurde mir bewusst, dass London nicht nur für Künstler eine interessante Stadt ist, sondern auch für Kunstinteressierte. Die Kunst wurde zu einer rein privaten Leidenschaft, wodurch ich sie aber umso mehr geniessen konnte. Tagsüber widmete ich mich am Computer Analysen und Daten. Abends besuchte ich Museen und Ausstellungen oder sah mir Theaterstücke an – ganz ohne beruflichen Einfluss und Stress.

Neue Prioritäten

Nach über sechs Jahren in London und um den 35. Geburtstag änderte sich meine Vorstellung von guter Lebensqualität. Mehr Platz, schöner und zentraler wohnen, weniger Hektik – das alles gewann nun an Wichtigkeit. Auch die starke Luftverschmutzung der Londoner Innenstadt empfand ich immer mehr als lästig.


Die Lebensqualität zog uns schliesslich zurück nach Deutschland. Fürs Abenteuer schafften wir jedoch noch einmal Platz: Fast fünf Monate reisten meine Frau und ich durch die Welt, bevor wir ein neues Leben in Deutschland aufbauten. So sehr sich meine Prioritäten auch geändert haben, die Stadt an der Themse gehört für mich weiterhin mit in die Backschale für die perfekte Mischung aus Ruhe und Bewegung – genauso wie Berlin, Buenos Aires und New York.

Geburtsjahr: 1982

Geburtsort: Idstein im Taunus (DE)

Gelebt in: Berlin, Paris, London, Frankfurt

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Was bedeutet Lebensqualität für Sie?
«Schön zu wohnen, Freunde und Familie in der Nähe zu haben, ein grosses Kulturangebot nutzen sowie verreisen zu können.»

Mutig durch die Welt

Würde ich noch einmal auswandern oder den Job wechseln? Klar. Bei so einer Entscheidung hat man mehr zu gewinnen als zu verlieren. Ich denke aber nicht, dass dies ein Patentrezept ist. Man muss sich bewusst sein, dass seiner Leidenschaft zu folgen auch harte Arbeit bedeutet. Zieht man in eine andere Stadt, braucht es Zeit, sich zu etablieren, Freunde zu finden, die Stadt kennenzulernen, sie zum neuen Zuhause zu machen.


Und eine komplett neue Laufbahn einzuschlagen, ist mit viel Unsicherheit und Arbeit verbunden und keine einfache Entscheidung. Das Wichtigste dabei ist, aus meiner Sicht, das Herz und den Verstand in Einklang zu bringen und keine Angst vor Veränderung zu haben. Und wenn man immer noch unsicher ist, das Gespräch mit Bekannten zu suchen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben.


Als Webanalyst spielt für mich die Kunst weiterhin eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich lebe meine Kreativität in vielen Formen aus: beim Fotografieren, Drucken und Zeichnen. Museumsbesuche, Vernissagen und Theater-Aufführungen gehören auch hier in Frankfurt zu meiner Freizeit.


Was mich meine Erfahrungen im Ausland gelehrt haben? Mutig zu sein, im Hier und Jetzt zu leben, meiner Leidenschaft zu folgen, aber auch zu merken, dass man seine Leidenschaft nicht immer zum Beruf machen muss.

viva. leben.