Vom Trend zur Selbstverständ­lichkeit.

Umweltschutz liegt im Trend, das zeigen unter anderem die Klimademonstrationen der letzten Jahre. Doch wie gelingt es, dass dieser Trend nachhaltig wird? Und was hat das Ganze mit Lebensqualität zu tun? Stephen Neff, CEO der Klimaschutzstiftung myclimate, hat Antworten dazu.

Text Mona Blum

Fotos Stefan Rötheli, zVg.

myclimate

Die gemeinnützige Stiftung myclimate entstand 2002 aus einem Projekt der ETH Zürich. Ihr Ziel ist es, anhand von Bildungsprogrammen, Beratungsdienstleistungen und der CO2-Kompensation einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Dabei sollen CO2-Emissionen vermieden, reduziert oder mit Hilfe zertifizierter Klimaschutzprojekte kompensiert werden. Zurzeit betreut myclimate rund 100 Projekte in 30 Ländern. 2018 wurde zum ersten Mal über eine Million Tonnen CO2-Emissionen kompensiert.

www.myclimate.org

Es klingt wie eine müssige Frage, den Leiter einer Klimaschutzstiftung zu fragen, welchen Einfluss Umweltschutz auf unsere Lebensqualität hat. Stephen Neff, seit September 2018 CEO von myclimate, beantwortet sie dennoch wohlüberlegt.


Für den in Kanada geborenen Sohn zweier Auslandschweizer – der Vater aus dem Appenzell, die Mutter aus dem Aargau – hat das Thema Umweltschutz schon lange einen grossen Stellenwert. Bei seiner ersten Stelle nach dem Studium – als Ingenieur bei einem Ozeanografie-Unternehmen – bekam er mit, welche Mengen an Gift und Quecksilber sich in den Fischen befinden, die auf unserem Speiseplan stehen. Ein Erlebnis, das Stephen Neff geprägt hat. «Was nützen die besten Ausbildungen für unsere Kinder und Enkel, wenn sie in Zukunft nicht mehr in unseren Seen schwimmen können und Sonnenschutzfaktor 60 auftragen müssen, wenn sie rausgehen?» – Eine berechtigte Frage.

Das Problem Mensch

Doch wie lässt sich der Klimawandel wirkungsvoll aufhalten? myclimate setzt hier stark auf Freiwilligkeit. Die Idee: Wir alle können freiwillig einen Beitrag leisten, indem wir uns z. B. überlegen, ob wir tatsächlich fürs Wochenende nach Paris fliegen – oder doch lieber den Zug nehmen sollen. Und: Wenn sich eine Flugreise nicht vermeiden lässt, kann der entstandene CO2-Ausstoss mit

einem finanziellen Beitrag an Klimaschutzprojekte kompensiert werden: die Geschäftsidee, mit der myclimate bekannt wurde.

Klingt alles prima, und doch hat’s einen Haken: den Menschen. «Der Mensch ist schwer zu bewegen – und uns läuft die Zeit davon», resümiert Stephen Neff. «Hätten wir noch 100 Jahre Zeit, könnten wir mit dem Ansatz der völligen Freiwilligkeit weiterfahren. Aber in unserer Situation brauchen wir Regulierungen, um den Klimawandel wirkungsvoll aufzuhalten. Die einfachste Methode wäre, dass CO2 einen Preis bekommt. Für jeden verbrauchten Liter Öl oder Kerosin wird auf den Preis noch ein Betrag für die emittierte Menge CO2 draufgeschlagen. Das liesse Wahlfreiheit zu, garantierte Kostenwahrheit und damit eine Lenkungswirkung.»

Stephen Neff

Der schweizerisch-kanadische Doppelbürger Stephen Neff studierte Elektroingenieurwesen am British Columbia Institute of Technology in Vancouver, Kanada und Betriebswirtschaft an der Univerity of Hertfordshire in Hertford, U.K. Seit September 2018 ist er Geschäftsführer von myclimate in Zürich. Zuvor war Neff u.a. als Geschäftsführer eines Schweizer Cleantech-Unternehmens tätig sowie von internationalen Technologie- und Industrieunternehmen. Neff ist verheiratet, hat eine Patchworkfamilie mit vier erwachsenen Kindern und wohnt in Ennetbaden.


Geburtsjahr: 1964

Geburtsort: Vancouver (CA)

Gelebt in: Kanada, China, Grossbritannien, Schweiz

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Umdenken findet statt

Globale Regelungen sind durchaus vorhanden. Nur hapert es laut Neff öfters an deren Umsetzung. Denn Papier ist geduldig. Am aktuellen Trend zum Umweltschutz wie den Klimademonstrationen, an denen insbesondere Jugendliche teilnehmen, sieht er, dass ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet. «Doch nicht nur die Jugend wird mobilisiert, sondern zunehmend auch die ältere Generation. Das ist wichtig, damit sich etwas bewegt. Denn ob in Unternehmen oder in der Politik – am Schalthebel sitzt meistens die Generation 40 plus, sie trifft die Entscheidungen. Auf sie legen wir bei myclimate schon lange ein besonderes Augenmerk. Zum Beispiel, indem wir Unternehmen beraten, wie sie ihren CO2-Fussabdruck verringern können.»

Vorbild Katalysator

Und wie geht es beim Klimaschutz weiter? «Die mediale Aufmerksamkeit, die das Thema in letzter Zeit bekam, wird irgendwann wieder sinken», vermutet Neff. Doch er ist sich sicher: Aufs Klima zu achten und seinen eigenen CO2-Ausstoss zu minimieren oder zu kompensieren, wird irgendwann eine Selbstverständlichkeit werden. Dies geschah in der Vergangenheit schon bei anderen Umweltthemen. «Ein Beispiel ist der Katalysator: Als ich 1985 von Kanada in die Schweiz kam, dachte man, der Katalysator bedeute das Aus für das Auto. In Kanada hatte man ihn allerdings schon seit zehn Jahren eingeführt – und die Autos fuhren immer noch!», erklärt Stephen Neff lachend.

Freiheit – mit gewissen Spielregeln

Zurück zum Thema Lebensqualität. Was bedeutet sie für Stephen Neff ganz persönlich? «Da gibt’s verschiedene Aspekte. Ganz wichtig ist mir aber, frei denken und mich so äussern zu können.» Was jedoch nicht bedeute, dass es keine Spielregeln gebe. «Aber als Appenzeller bin ich wahrscheinlich ein konservativer Anarchist», meint er schmunzelnd. Und macht sich auf den Weg, dem Klimawandel weiterhin die Stirn zu bieten.

Wenn aus Abfallbergen Biodünger wird: Mit Klimaschutzprojekten wie diesem Kompostprojekt in Nepal kompensiert myclimate CO2.

Was bedeutet Lebensqualität für Sie?
«Ganz wichtig ist mir, frei denken und mich so äussern zu können. Aber als Appenzeller bin ich wahrscheinlich ein konservativer Anarchist.»

myclimate und Helvetia

Seit Herbst 2019 bietet Helvetia ihren Motorfahrzeug- und Flottenkunden die Möglichkeit, die entstandenen CO2-Emissionen ganz einfach mit einem Klimaschutzbeitrag bei myclimate zu kompensieren. Mehr dazu auf www.helvetia.ch/co2kompensation

Berechnen Sie Ihren persönlichen CO2-Fussabdruck

Wie wohnen wir? Was essen wir? Wie bewegen wir uns fort? Unsere tägliche Lebensweise hat einen grossen Einfluss auf unseren Planeten. Ermitteln Sie mit dem myclimate Footprint-Rechner ganz einfach die Menge an CO2-Emissionen, die durch Ihre persönliche Lebensweise entstehen – und kompensieren Sie diese.

Wie gestaltet myclimate die Zukunft mit?

Mehr dazu in diesem Video.

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