Die Pionierin.

Sie hat drei Tech-Unternehmen gegründet, zwei Kinder geboren, geheiratet, bewohnt ein historisches Haus und ist Jurorin bei «die Höhle der Löwen». Wie viele Stunden hat der Tag von Bettina Hein Göldi?

Text Isabella Awad Fotos Elaine Pringle

Sie heissen SVOX, Pixability und Jana... was tönt wie der Familienzuwachs bei Angelina Jolie und Brad Pitt, sind die Namen der drei Tech-Unternehmen, die Bettina Hein Göldi in ihrem noch jungen Leben gründete. Sie habe tolle Vorbilder gehabt – ihre Eltern und Grosseltern waren unternehmerisch und erfinderisch unterwegs. Die eine Grossmutter war Apothekerin, die andere führte einen Lebensmittelladen. Der eine Grossvater war Chemiker und Erfinder, der zweite gründete einen Kohlengrosshandel. Die Eltern der gebürtigen Deutschen waren Apothekerin und Arzt.

Wie geht ein Businessplan?

Einen «nine to five job» zu haben, war kein Lebensentwurf für Bettina Hein Göldi. Ihre Familie liess ihr freie Wahl – ausser dem Grossvater: «Er schlug mir vor, Beamtin zu werden», lacht sie. Bettina Hein Göldi studierte BWL an der Uni St. Gallen. «Ich dachte, so kann ich etwas bewegen in der Welt und einen sozialen Beitrag leisten», erklärt sie. Sie war an der HSG sehr aktiv und gründete 1997, im letzten Studienjahr, «START», die grösste von Studenten organisierte Entrepreneurship-Konferenz. Rückblickend betrachtet sie es «Selbsthilfeaktion»: «Als Studentin lernte ich zwar, wie man eine Strategie für ein Grossunternehmen entwickelt, aber nicht wie man ein Unternehmen gründet und einen Businessplan erstellt.» «STAR» ist eine Plattform, die Founder zusammenbringt. Nach dem Motto «walk your talk» schrieb sie sich, ermutigt von ihrem Freund und heutigen Ehemann, selber ein auf «START». 2002 gründete sie SVOX, ihr erstes Technologie Unternehmen.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Wissensdurst und Neugier zogen Bettina Hein Göldi und ihren Ehemann 2006 in die USA. SVOX verkaufte sie: «SVOX war ein von Investoren finanziertes Start-up, bei dem die Risikokapitalgeber eines Tages ihr Geld zurückfordern.» Die 32-Jährige gründete im Land der unbegrenzen Möglichkeiten ihr zweites Tech- Unternehmen «Pixability». Während des zweiten Fundraisings war sie hochschwanger mit dem zweiten Kind. Es sei heutzutage immer noch schwierig, Unternehmensgründerin zu sein – im Technologiebereich sogar doppelt. Das Umfeld sieht das für Frauen nicht vor. In den USA geht man hier voran. Das war auch einer der Gründe, weshalb sich Bettina Hein Göldi dort niederliess. Sie rief eine Gruppe von Gründerinnen ins Leben, um den Austausch und die Solidarität unter den Frauen zu fördern.

Hello Switzerland

«Nach zehn Jahren Pixability war ich ausgebrannt», gibt Bettina Hein Göldi zu. Aber auch aus familiären Gründen kam sie zurück nach St. Gallen, denn ihr Mann liebäugelte schon länger mit dem Gedanken einer Rückkehr. Anfänglich sei es schwierig gewesen, die privaten und die beruflichen Kontakte der ganzen Familie zurückzulassen. Aber es hätten sich schnell spannende Gelegenheiten geboten. Und damit keine Langeweile aufkommt, gründete sie mit Jana in St. Gallen ihr drittes Software-Unternehmen.

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Innovation motiviert

Die Rolle der Unternehmerin liegt ihr. Die Arbeit sei spannend, weil sie sich immer wieder verändert – wenn eine Firma stark wächst. Das Schöne sei, dass es nicht politisch funktioniere, sondern es darum gehe, dass alle Mitarbeitenden so erfolgreich wie möglich sind. «Ich habe meinen Job erfüllt, wenn die Mitarbeitenden besser sind als ich», sagt Bettina Hein Göldi. Sie teilt die Arbeit so auf, dass für sie selber nichts übrigbleibt, denn: «Ich will nicht IM, sondern AM Unternehmen arbeiten. Neue Kunden finden, neue Kanäle öffnen...» Nicht das Geld, sondern die Idee der Innovation motiviert sie. Trotzdem misst Geld den Erfolg. «Gerade als Frau ist das wichtig, schwarz auf weiss zu zeigen, was man geleistet hat.»

Die Erste unter Gleichen

Als Chefin sieht sich Bettina Hein Göldi als «prima inter pares», als Erste unter Gleichen. Sie arbeitet gerne im Team, die Mitarbeitenden sollen sich einbringen – sie fördert sie im Gegenzug und bietet totale Transparenz.

Ausser den Löhnen darf jeder alles wissen: wie viel Geld auf dem Konto liegt, was die Geschäftsleitung bespricht. Gegenseitig stellen sie hohe Erwartungen aneinander und arbeiten immer mit knappen Ressourcen. Je herausfordernder, je lieber, könnte Bettina Hein Göldis Motto sein. «Ich habe gelernt, dass rasche und für alle nachvollziehbare Entscheide und eine zügige Umsetzung wichtig sind. Stellt sich heraus, dass ein Entscheid nichts mehr taugt, muss man ihn genauso schnell wieder revidieren.»

Oma und Steve Jobs

Vorbilder: wer hat keine? Bei Bettina Hein Göldi sind es Menschen, die Trends antizipieren und mutig die Richtung wechseln. Ihre Grosseltern beispielsweise oder einer wie Steve Jobs, der weit voraus dachte und wichtige strategische Entscheide traf. Beeindruckt ist sie auch von Reed Hastings, dem Gründer von Netflix. Er kannibalisierte sein eigenes Geschäftsmodell: statt DVDs zu verschicken, baute er einen Streaming-Service auf.

Dos und don'ts für Unternehmensgründer

Dos:

  • Wenn möglich Mitgründer suchen
  • Eine gewisse Naivität lohnt sich, denn die meisten neuen Ideen kreieren Menschen, die nicht schon alles gesehen haben
  • Sich Ruhezeiten gönnen – ein Unternehmen aufzubauen ist ein Marathon und kein Sprint

Don'ts:

  • Man soll sich keinen Weg zurück ins sichere Angestellten-Verhältnis offenhalten – die täglichen Achterbahnfahrten verleiten sonst, zu schnell aufzugeben
  • Eins von 100 Unternehmen ist mit der Ursprungsidee erfolgreich – man sollte nicht so verliebt in die Idee sein oder zu stur, um nicht die Richtung zu ändern

Die Höhle der Löwen

Zurück in der Schweiz öffneten sich für Bettina Hein Göldi verschiedene Türen. Wie sie Jurorin in «Die Höhle der Löwen» wurde? Sie lacht: «Im Mitternachtszug nach St. Gallen sprach mich jemand an und fragte mich, ob es mich interessiere, mitzumachen. Ich sagte mir: Das ist entweder die beste oder die schlechteste Idee, die ich je hatte, aber es ist eine Chance.» Als Unternehmerin sieht sie auch ihre sozialpolitische Aufgabe – es war ihr schon immer wichtig, vor allem andere Unternehmensgründerinnen zu unterstützen.

Bizarre Erfindungen

Bei «Die Höhle der Löwen» verhilft sie mit eigenem Kapital einem werdenden Unternehmer, seine Idee weiterzubringen. Ob eine Idee Erfolg verspricht, sei manchmal schwierig vorauszusagen. «Es muss ein Markt vorhanden sein – je grösser je besser, die Aktivität sollte sich skalieren lassen und es müssen die richtigen Leute mitmachen», sagt Bettina Hein Göldi aus Erfahrung. Dann könne daraus etwas werden. Manchmal begegneten ihr bizarre Erfindungen und Menschen mit überzogenen Erwartungen. Dann hilft die ehrliche Meinung einer unerschrockenen Pionierin.

Bettina Hein Göldi

Bettina Hein Göldi ist dreifache Unternehmensgründerin, Mutter von zwei Kindern und Jurorin in «Die Höhle der Löwen». Dieses Pensum gelingt nur, wenn alles gut durchorganisiert ist – obwohl das manchmal auch nicht sehr «lebenswert» sei, lacht sie. Aber viel zu tun sei besser, als zu wenig. Sie lernte, zu delegieren. Als sie die erste Putzfrau engagierte, habe sie vorher immer aufgeräumt und «vorgeputzt» – das hat sie inzwischen überwunden.

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