Wir gewinnen und verlieren gemeinsam.

Nach 30 Jahren Helvetia kennt Markus Gemperle das Unternehmen wie seine Westentasche. Seit 2015 führt er den Bereich Europa und ist aktuell auf Expansionskurs. Die Freude am Job und die Diversität seines Teams gehören zu seinem Erfolgsrezept.

Text Isabella Awad Fotos Florian Brunner

Markus, welches war die grosse Herausforderung im vergangenen Jahr?

Eine gute Balance zu finden zwischen den aktuellen Herausforderungen im Tagesgeschäft, den Grossprojekten wie NL-Trans oder IFRS 17, die natürlich unser Arbeiten von morgen entscheidend mitprägen werden sowie die Entwicklung der Strategie 2025 und deren Stossrichtungen für unseren zukünftigen Erfolg.

Unsere Auslandmärkte sind auch in Bewegung...

Ja, bis zum Ausbruch der Coronakrise erlebten wir tatsächlich ein tolles Momentum in all unseren Auslandmärkten und unserem internationalen Specialy Lines- und Rückversicherungsgeschäft. Wir wachsen deutlich schneller als derMarkt, was unsere Marktpositionen stärkt. Wir verbessern unsere Versicherungstechnik und wir können den Gewinn steigern. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Mitarbeitenden in den Business Units, macht uns stolz und gibt ganz viel Energie für nächste Schritte. Ich bin überzeugt, dass uns dies auch helfen wird, mit Schwung aus dem Lockdown zu kommen.

In Spanien stehen wir vor dem Abschluss der Akquisition von Caser: Weshalb hat Helvetia gerade in Spanien einen nächsten Schritt getan?

Grundsätzlich streben wir in den Märkten, wo wir tätig sind, eine nachhaltig wettbewerbsfähige Marktposition an. Es geht darum, für unsere Kunden und insbesondere auch für die Marktzugänge wie Broker oder Banken relevant zu sein. Wir sind überzeugt, dass für uns in unseren bestehenden Märkten noch sehr viel Potential steckt – weil wir sie seit vielen Jahren sehr gut verstehen, man kennt Helvetia und wir sind dort aktuell sehr gut unterwegs. In Italien und Österreich tätigten wir in den letzten Jahren bereits mehrere Akquisitionen und verbesserten unsere Positionen substanziell. In den grossen Märkten Deutschland und Spanien dagegen, ergab sich bislang noch keine passende Gelegenheit. Mit Caser bot sich nun in Spanien die Chance zu einem massgeblichen Schritt.

Was hättest du gerne erfunden?
Die Gipfeli vom St. Galler Bäcker Cappelli
Was muss dringend noch erfunden werden?
Emissionsfreies Fliegen (beamen)

Wie sah die Aquisition der Caser konkret aus?

Wir verfolgen seit vielen Jahren sehr strukturiert die Entwicklungen der einzelnen Märkte und möglicher Wunschkandidaten. Caser stand auf dieser Shortlist für Spanien seit längerem ganz oben. Vor rund eineinhalb Jahren begannen sich auseinanderlaufende Strömungen im Aktionariat von Caser abzuzeichnen und wir haben diese Chance mit ganz vielen Gesprächen mit einzelnen Aktionären, alles Banken, aufgenommen. Schlussendlich gelang es, die verschiedenen Stakeholder zu überzeugen, dass ein Verkauf für sie und die Gesellschaft eine sinnvolle Sache ist. In der Folge nahmen wir am am offiziellen Verkaufsprozess teil. Vor allem auch aufgrund der mittlerweile hervorragenden Kenntnisse der einzelnen Beteiligten und deren Bedürfnisse gewannen wir das Rennen um die 70 Prozent Mehrheitsbeteiligung.

Was heisst das nun für dich?

Unsere Absicht war von Beginn weg, Caser als eigenständige Business Unit weiterzuführen. Zum einen sind unsere drei grossen Vertriebsbanken nach wie vor mit je zehn Prozent an Caser beteiligt und bauen auf Stabilität, um ihre anspruchsvollen Businessziele erfüllen zu können. Zum anderen soll uns der hervorragende Brand und die wirklich erstklassige Art und Weise, wie Caser das Bancassurance Geschäft managed, in Spanien in eine neue Liga bringen.

Wir werden also in Spanien eine zweite Business Unit führen und übergreifend Synergien nutzen sowie von den gegenseitigen Stärken profitieren.

Schauen wir in die Zukunft: Strategie 2025 – was kannst du schon verraten? Inwiefern wird Corona diese beeinflussen?

Bis zum Ausbruch von Corona waren wir in der Umsetzung der Strategie 2020 sehr gut unterwegs. Wo wir am Ende des Jahres stehen werden und was die Krise für die nächsten Jahre bedeutet, hängt wesentlich von deren weiteren Verlauf ab: Lässt sich der beschleunigte Lockerungsplan in den Ländern halten oder bremst uns eine zweite Welle? Wie entwickelt sich die Konsumstimmung, halten die KMUs durch oder genereller: Wie tief und anhaltend wird die Rezession?

Wir sind von unserer strategischen Stossrichtung absolut überzeugt und möchten den erfolgreichen Pfad, ergänzt um das eine oder andere spannende Thema, weitergehen. Corona ändert daran nichts. Natürlich werden wir unsere Wachstumsambitionen und Massnahmenpläne entsprechend der wirtschaftlichen Entwicklung überprüfen. Wichtig wird nach wie vor sein, dass wir noch kundenzentrierter denken und arbeiten und uns breit aufstellen, denn wer weiss, wie unser Geschäft in zehn Jahren aussieht.

Kommentiere die zwei Statements:

Lieber eine falsche Entscheidung als keine:

Stimmt.

50 Prozent Frauenanteil in der Geschäftsleitung ist ein Muss:

Ich bin sehr für Diversität in allen Teams, wobei sich dies aber nicht einfach nur auf den Frauenanteil reduzieren sollte. Auch Alter und Herkunft sind wichtige Dimensionen – gerade bei unserer zunehmend internationalen Entwicklung. Ernennungen von Frauen in die Geschäftsleitungen sind ganz wichtige Signale, aber wirklich nachhaltigen Erfolg wird es erst geben, wenn die Förderung und Bereitschaft viel früher beginnt.

Wie müssen wir uns einen Arbeitstag von Markus Gemperle vorstellen?

Neben dem Krisenmanagement Corona in allen Ländern und den ordentlichen Prozessen und Gremien, die natürlich trotz Lockdown erfüllt sein müssen, liegt aktuell ein wichtiger Fokus auf der anstehenden Integration von Caser in unsere Gruppe. Caser ist ein grosses und komplexes Unternehmen mit diversen Tochtergesellschaften und über 5000 Mitarbeitenden. Trotz intensiver Nutzung von Videosystemen war ich vor Corona durchschnittlich zwei bis drei Tage pro Woche im Ausland, zuletzt oft in Spanien. Zur Zeit läuft WebEx bei mir im Home Office fast durchgehend. Ich gehe aber davon aus, dass ich auch im ‹neuen Normal› nach Corona wieder sehr regelmässig in unsere Länder reisen werde.

Was zeichnet dich als Chef aus?

Wertschätzung und Vertrauen. Dazu muss das Team passen. Also lieber eine Stelle vakant lassen, als sie mit einer falschen Person besetzen. Passen muss es vor allem auch persönlich; das Fachliche ist gegeben oder man kann es lernen. Ich versuche für meine Leute ein Gesprächspartner und ‹Challenger› zu sein. Ich biete einen grossen Entscheidungsspielraum – erwarte aber umgekehrt, dass jeder Einzelne Verantwortung übernimmt.

Apropos Entscheid: Wie gerne entscheidest du und wie triffst du Entscheidungen?

Ich entscheide gerne – für die Meinungsbildung wirken wir oft im Team zusammen, um eine möglichst gute und breite Entscheidungsgrundlage sicherzustellen. Die unterschiedlichen Fähigkeiten und die grosse Erfahrung der Mitarbeitenden helfen hier enorm.

Magst du Veränderungen?

Klar, wenn sich daraus Chancen ergeben, auf jeden Fall. In meiner Rolle kann ich viel gestalten und ich mag es, zügig voranzugehen. Aber Veränderung nur um der Veränderung willen halte ich für Verschwendung.

Was ist ein guter Mitarbeitender?

Jemand der mitdenkt, sich einbringt, engagiert und auf dem eigenen Gebiet ein ganzheitliches Verständnis mitbringt. Meine Mitarbeitenden sollen Freude und Spass haben am Job sowie an der Zusammenarbeit im Team. Das Denken in Funktionen ist mir wichtig, das gibt Struktur und Klarheit. Ich erwarte Loyalität und ich stehe für meine Leute ein. Wir gewinnen gemeinsam und wir verlieren gemeinsam.

Markus Gemperle

Ich glaube an die Kraft des positiven Denkens.

Familie: verheiratet, ein Sohn und eine Tochter, beide erwachsen.

Energie tanken: Ich kann auf der Reise gut entspannen. Ansonsten beim Skifahren, Tourenski, Velofahren, Krafttraining. Wenn wir im Team etwas Tolles auf die Beine stellen, gibt mir das ebenfalls einen Energiekick.

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Was wird bezüglich Management masslos überbewertet?

Der Personenkult ist oft völlig übertrieben. Als Chef oder Manager kann nur glaubwürdig sein, wer sich selber treu bleibt. Dazu gehören Anstand und Wertschätzung.

Welche Management Persönlichkeit beeindruckt dich?

Unser ehemaliger CEO und VR-Präsident Erich Walser. Er schenkte Vertrauen und konnte loslassen. Ich erinnere mich an die Fusion in Spanien zwischen Helvetia Spanien und der damaligen Previsiòn, vor bald 20 Jahren. Ich war gerade zum neuen Leiter des Corporate Center ernannt worden.

Er wollte bis Ende Jahr über die Durchführung der Fusion entscheiden und übergab mir diesen Auftrag im August. Ich wusste kaum wo Spanien liegt... Er vertraute mir. Das hat mich sehr beeindruckt.

Jungunternehmer Start-ups... viele waren mit wilden Ideen erfolgreich. Hat dich das nie gereizt?

Was ich cool finde, ist die Begeisterung, die sie ausstrahlen, wie sie ein Thema verfolgen und in der Lage sind, Anpassungen vorzunehmen. Flexibilität und Zielorientierung, das hat auch die ‹alte› Wirtschaft verändert. Heute würde ich für mich dabei am ehesten die Rolle des Mentors sehen. Mir gefällt es, in einer grösseren Organisation Dinge zu verändern. In diesem Sinne ist Europa und dessen Bedeutung für die Helvetia Gruppe für mich auch eine Art Start-up.

viva. unternehmen.