Ein Miteinander im Wandel.
Text Sarah Büchel
Fotos Anna-Tina Eberhard
Nächstes Jahr übergibt Ralph Jeitziner die Leitung des Vertriebs, oder nach neuen Strukturen den «Vertriebsverbund», an Simon Weiner. Es ist eine Übergabe, die von gegenseitigem Vertrauen und gemeinsamen Werten geprägt ist. Die beiden sprechen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Vertriebs und über das, was sie bei Helvetia bewegt.
Ralph, du hast viele Jahre bei Helvetia und ihren Vorgängerunternehmen erlebt. Wie blickst du auf die Entwicklungen dieser Jahre zurück?
Ralph: Ich fing 1982 mit der KV-Lehre bei der Baloise auf einer Generalagentur an. Danach war ich bei Coop Leben, wo ich die erste Fusion, jene mit der Freiburger Allgemeinen, erlebt habe. Danach kam die Übernahme durch Nationale Suisse und schliesslich jene durch Helvetia. Und nun plant man mit der Baloise zu fusionieren. Sollte dies zustande kommen, würde sich für mich der Kreis auf meine Pensionierung hin schliessen. Das ist irgendwie verrückt.
Welche Entwicklungen waren für dich besonders prägend?
Ralph: Besonders eindrücklich war die technologische Entwicklung: Von der Schreibmaschine, auf der ich während meiner Lehre mit Kohledurchschlagpapier gearbeitet habe, über die ersten Laptops im Aussendienst bis hin zu KI-gestützten Beratungslösungen heute.
Das ist ein technologischer Quantensprung! Auch die Deregulierung ab Ende der 1990er-Jahre hat unseren Markt verändert. Und nicht zuletzt die kulturelle Entwicklung: Früher warst du einfach Angestellter. Heute geht es viel stärker um Führung, Zusammenarbeit, Förderung. Das ist ein echter Fortschritt.
Worauf bist du stolz?
Ralph: Vor allem darauf, mir selbst treu geblieben zu sein. In meinen Werten, meiner Bodenhaftung und vor allem in meiner Liebe zu den Menschen. Ich war nie jemand, der sich verbogen hat. Das hat mir vieles einfacher gemacht in all den Jahren.
Simon, du trittst in grosse Fussstapfen. Was bedeutet die neue Rolle für dich?
Simon: Es ist eine Herausforderung, der ich mit viel Demut, aber unglaublicher Freude entgegenblicke. Der Vertrieb ist für mich nicht Beruf, sondern meine Berufung. Als ich als CEO bei Orion aufhörte, war mir klar: Ich will zurück in den Vertrieb. In den letzten Jahren durfte ich eng mit Ralph zusammenarbeiten und von seiner Erfahrung lernen. Das ist ein echtes Privileg. Heute bin ich bereit für diese Verantwortung und gleichzeitig froh, dass ich weiterhin auf Ralph zählen darf.
Wie gestaltet ihr die Übergabe?
Simon: Wir arbeiten eng zusammen, sprechen uns viel ab, und doch ist klar geregelt, wer welche Entscheidungen trifft. Wir sind sehr zusammengewachsen. Ich habe nie das Gefühl, dass mir Ralph reinredet. Im Gegenteil: Er gibt mir Raum, lässt mich machen, ist aber da, wenn ich einen Rat brauche. Es fühlt sich nicht nach Übergabe an, sondern nach Teamarbeit. Viel besser, als ich mir dies im Vorfeld je hätte vorstellen können.
Ralph, wie ist das für dich?
Ralph: Ich habe diesen Schritt selbst gewählt. Deshalb und weil ich volles Vertrauen in Simon habe, fällt mir das Loslassen leicht. Klar, manchmal gebe ich noch eine Perspektive mit oder frage nach. Aber am Schluss entscheidet er, und das ist richtig so.
«Wichtig ist, dass man mit den richtigen Worten offen und ehrlich kommuniziert.»
Wie geht ihr mit den aktuell geplanten Veränderungen im Unternehmen um, auch im Hinblick auf eure Mitarbeitenden?
Simon: Das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Als Führungskraft selbst Unsicherheit zu erleben und gleichzeitig Zuversicht auszustrahlen, ist nicht leicht. Manche erleben Veränderung als Chance, andere versinken in Zweifel. Wichtig ist, dass man mit den richtigen Worten offen und ehrlich kommuniziert. Am Ende bin ich selbst ein Beispiel dafür, dass es sich sehr lohnen kann, den Zweifeln zu widerstehen und die aktuelle Situation auch als Chance zu betrachten. Diese Energie strahlt und zahlt sich aus. Genau diese Denkhaltung spüre ich bei vielen im Team. Sie erkennen, wie viel Potenzial es hat, Begeisterung auszustrahlen, und sehen die einzigartigen Perspektiven, welche sich uns allen bieten.
Ralph: Ich war nie jemand, der zuerst das Problem sah. Wichtig ist, dass man Themen direkt anspricht. Ich bin überzeugt, dass in jeder Veränderung Chancen liegen: für neue Ideen, neue Wege, persönliches Wachstum. Ich selbst habe zum Beispiel schon mehrfach hierarchische und finanzielle Rückschritte erlebt, die mir aber ganz neue Perspektiven eröffneten. Das war meinerseits ein bewusstes Investment in meine Entwicklung.
Welche Chancen seht ihr in der neuen geplanten Struktur?
Simon: Die geplante Fusion ist ein Ereignis, das es nur einmal im Leben gibt. Was dabei herauskommen würde, wäre der wahrscheinlich stärkste Vertrieb auf dem Schweizer Markt. Es entstünden neue Produkte, die wir bisher nicht anbieten konnten. Die Erweiterung auf vier Regionen und 44 Generalagenturen würde mehr Präsenz im Markt bringen und es uns erlauben, noch näher bei der Kundschaft zu sein. Damit zeigt sich auch das grosse Potenzial der geplanten Fusion, welches beflügelt. Es ist eine ausserordentlich intensive und spannende Zeit.
Simon, was nimmst du von Ralph mit?
Simon: Kleiderstil wäre etwas. Hast du gesehen, was für coole Socken der anhat? Und seine Hemden … Einfach Kult! (lacht) Aber im Ernst: Ralph hat mir beigebracht, auf meine Erfahrungen und mein Wissen zu vertrauen. Und ein bisschen von seiner Gelassenheit in hektischen Zeiten habe ich hoffentlich auch übernommen.
Ralph, was möchtest du Simon für die Zukunft mitgeben?
Ralph: Dass er sein Herz am richtigen Fleck behält. Seine Nähe zu den Kolleginnen und Kollegen, seine Bescheidenheit sowie sein Gespür für Menschen sind Stärken, die ihn ausmachen. Wenn er die bewahrt, wird er weiterhin sehr erfolgreich sein.
Und was bleibt euch persönlich von Helvetia?
Simon: Für mich ist Helvetia wie ein zweites Zuhause. Ich habe auch andere Kulturen erlebt. Bei Helvetia herrscht ein echtes Miteinander. Das spürt man. Ich nenne es das «Flämmchen der Kultur». Das darf nie erlöschen, auch wenn draussen ein Sturm der Veränderung tobt. Diese Flamme zu erhalten, betrachte ich als meine Aufgabe.
Ralph: Vor allem die Begegnungen mit den Menschen. Natürlich bin ich irgendwann weg und vielleicht auch schnell vergessen. Das ist normal. Aber ich hoffe, dass ein paar meiner Ideen oder Haltungen weiterleben. Die Zukunft gehört neuen Personen. Und das ist gut so. Aber was ich sicherlich nie vergessen werde ist mein «VIVA Helvetia!».

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