Wenn die Wirtschaft ruckelt.

Die Weltwirtschaft befindet sich im Umbruch: Steigende Preise, geopolitische Spannungen, demografische Verschiebungen und technologische Umwälzungen prägen die Gegenwart. Wie diese Entwicklungen zu deuten sind und was sie für Unternehmen bedeuten, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Aymo Brunetti im Gespräch mit viva.

Text Sarah Büchel Foto zVg.

Herr Brunetti, die Welt ist in Bewegung. Welche Entwicklungen halten Sie derzeit für besonders prägend?

Eine zentrale Veränderung ist die Rückkehr der Inflation. Über Jahrzehnte war Preisstabilität fast selbstverständlich. Für mich als Dozent war es zunehmend schwierig, das Thema anschaulich zu vermitteln, weil die Beispiele für Inflation aus den 70er- und 80er-Jahren stammten. Jetzt hat sich das grundlegend geändert. Die Inflation ist wieder präsent – und damit zeigt sich, dass ökonomische Grundprinzipien bestehen bleiben. Das grösste ktuelle Risiko sehe ich in der US-Wirtschaftspolitik, insbesondere in der Handelspolitik. Dort wird eine ökonomisch kaum nachvollziehbare Strategie verfolgt. Gleiches gilt für die Migrations- und Verschuldungspolitik, welche die Inflation weiter anheizen. Und das in einem Land, das für die Weltwirtschaft zentral ist. Sollte diese Politik konsequent weitergeführt werden, drohen weitere globale wirtschaftliche Erschütterungen.

Was bedeutet das für die Schweiz? Gibt es Möglichkeiten, sich vorzubereiten oder zu schützen?

Die Handlungsspielräume sind begrenzt. Handelsströme lassen sich nicht einfach umlenken, und politischer Einfluss auf die USA ist aus Schweizer Sicht gering. Was Unternehmen aber tun können: sich bewusst machen, dass die USA in den nächsten Jahren eine Quelle wirtschaftlicher Unsicherheit bleiben werden – und entsprechend ihre Abhängigkeit reduzieren. Diversifikation heisst das Gebot der Stunde. Ein Freihandelsabkommen mit den USA ist angesichts der politischen Lage aktuell besonders unrealistisch.

«Das grösste aktuelle Risiko sehe ich in der US-Wirtschaftspolitik, insbesondere in der Handelspolitik.»

Diese Unsicherheiten spüren auch wir in der Versicherungswelt. Welche Risiken lassen sich aus ökonomischer Sicht heute noch sinnvoll absichern?

Viele geopolitische und wirtschaftspolitische Risiken sind kaum oder gar nicht versicherbar. Sie betreffen ganze Volkswirtschaften gleichzeitig und entziehen sich einer sinnvollen statistischen Modellierung. Das ist ähnlich wie bei Pandemien: theoretisch denkbar, praktisch aber schwer kalkulierbar. Auch Cyberrisiken sind ein gutes Beispiel – man kann nur Teilbereiche vernünftig absichern. Auf der anderen Seite entstehen auch Chancen: Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz könnte einen enormen Produktivitätsschub bringen. Besonders vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ist das sehr interessant – denn dort bewegen wir uns auf ein strukturelles Problem zu.

Sie sprechen den demografischen Wandel an – was genau erwarten Sie?

Wir stehen vor einer langanhaltenden Phase des Arbeitskräftemangels. Der Grund ist simpel: Es gehen jährlich mehr Menschen in Pension, als neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Und das betrifft nicht nur die Schweiz, sondern praktisch alle entwickelten Länder. Trotz moderatem Wirtschaftswachstum ist die Arbeitslosigkeit tief – ein klares Zeichen für diesen strukturellen Wandel. Aus meiner Sicht liegt in den älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ein enormes Potenzial. Unternehmen sollten gezielt überlegen, wie sie Mitarbeitende über das klassische Rentenalter hinaus beschäftigen können – etwa mit Teilzeitmodellen, die zumindest bis zum 70. Lebensjahr attraktiv bleiben. Eine Erhöhung des Rentenalters wäre die langfristig sauberste Lösung, ist politisch aber noch schwer durchzusetzen. Migration kann punktuell helfen, wird aber global gesehen zunehmend schwieriger. Nicht zuletzt, weil auch andere Länder um Arbeitskräfte konkurrieren.

Sie haben KI bereits als Chance angesprochen: Besteht nicht die Gefahr, dass diese Arbeitsplätze zerstören wird?

Jede grosse technologische Welle in der Vergangenheit hat langfristig nicht nur bestehende Arbeit ersetzt, sondern auch neue geschaffen. Und KI breitet sich derzeit so schnell aus wie kaum eine Technologie zuvor. Natürlich sehen wir auch strukturelle Verschiebungen – gewisse Berufsbilder werden sich verändern. Aber KI wird die Arbeit nicht abschaffen. Vielmehr sehe ich Potenzial, produktiver zu arbeiten – und das brauchen wir angesichts der alternden Gesellschaft. Das zusätzliche Einkommen aus dieser Produktivitätsverbesserung wird zusätzliche Nachfrage schaffen und damit Nachfrage nach Arbeitskräften, die die zusätzlichen Produkte herstellen.

«Eine Erhöhung des Rentenalters wäre die langfristig sauberste Lösung, ist politisch aber noch schwer durchzusetzen.»

Im internationalen Vergleich gilt die Schweiz als krisenfest. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Die Resilienz der Schweizer Wirtschaft ist bemerkenswert. Sowohl in der Finanzkrise 2008/2009 als auch in der Pandemie war der wirtschaftliche Einbruch bei uns deutlich geringer als in anderen Ländern, obwohl die beiden Krisen völlig unterschiedlich waren. Die Gründe dafür sind vielfältig: eine breite, ausgewogene Wirtschaftsstruktur, aber auch kluge wirtschaftspolitische Reformen wie etwa die Schuldenbremse, bilaterale Verträge mit der EU und so weiter. Hinzu kommen ein flexibler Arbeitsmarkt mit gutem sozialem Auffangnetz und die eigene starke Währung. Dieses Zusammenspiel macht die Schweiz widerstandsfähig – auch wenn natürlich immer ein Quäntchen Glück dazugehört.

Zum Schluss: Wie entstehen wirtschaftliche Prognosen eigentlich – und wie viel Intuition steckt darin?

Prognosen beruhen zwar auf Modellen, aber die Datenlage ist oft sehr dünn, viel dünner als etwa bei Wetterprognosen. Als ich im SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) gearbeitet habe, flossen in die endgültige Prognose immer auch Diskussionen, Erfahrung und Bauchgefühl ein. Das Modell liefert die Basis, aber die Einschätzung der Menschen ist entscheidend.

Müde? Dann triff keine wichtigen Entscheidungen!

Entscheidungsmüdigkeit ist real: Je mehr Entscheidungen wir treffen, desto schlechter werden sie. In Zeiten des Wandels hilft es, Routinen für Kleinigkeiten zu schaffen – so bleibt Energie für das Wesentliche.

viva. Wandel.